Ein Dankesschreiben von Katherine Maher, der Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation

From Meta, a Wikimedia project coordination wiki

This text was initially published in the orginial blog post on Diff, under CC-by-sa-3.0. April 16, 2021 by Katherine Maher

Photograph that was taken during the 'WikiConference India 2016' or WCI2016. It was held at the 'Chandigarh Group of Colleges' (CGC), Landran, Mohali on 5, 6, and 7 August 2016. About 200 Wikipedians from India, Bangladesh, Srilanka and the USA were participated at the three day event.
Katherine Maher Dances with Punjabi Dancers – Opening Ceremony – Wiki Conference India

Hallo Freunde, liebe Wikimedianer,

Es war die Freude meines Lebens, sieben Jahre lang Teil dieser Bewegung mit euch zu sein.[1] Als ein Anhänger von offener Kultur, offener Quelle und freiem Wissen kam ich zur Wikimedia-Bewegung. Ich verlasse heute meine Arbeit bei der Stiftung, im Wissen, dass die Wikimedia-Bewegung für diese Ideale und noch mehr steht.

Ein Wikimedianer zu sein heißt, die Neugier und Fehlbarkeit der Menschheit, unsere Großzügigkeit und Reizbarkeit zu umarmen. Es bedeutet, eine Welt zu betrachten, die uns als geteilt dargestellt wird — durch willkürliche Grenzen, sprachliche Eroberungen, Angst vor dem Unbekannten — und stattdessen unser gemeinsames Interesse zu erkennen. Es ist das Wissen, dass wir alle fehlerhafte, unzuverlässige Erzähler sind, und der Glaube, dass das beste Mittel gegen unsere angeborenen Mängel darin besteht, unsere individuellen Fehler durch unsere kollektiven Stärken zu flicken.

Im Frühling 2016 teilte ich eine Pizza in Berlin mit Christophe Henner (unserem damaligen zukünftigen, nun ehemaligen Vorstandsvorsitzenden). Wir besuchten die Wikimedia-Konferenz einen Monat nachdem ich die Rolle des geschäftsführenden Direktors interim übernommen hatte und hatten gerade einen herausfordernden Tag voller Plenarsitzungen hinter uns, die uns als Gemeinschaft in Katharsis vereinten. Christophe kandidierte für den Vorstand der Wikimedia Foundation. Er fragte mich: „Wofür sind wir hier?“

Ich wusste nicht, was er von mir hören wollte, also sagte ich ihm einfach, was ich dachte. „Wir sind hier, um die Welt zu verbessern.“ Es war eine klischeehafte Antwort, aber für mich wahr. Er lachte und lehnte sich zurück. „Ja.“

Das ist immer das gewesen, was ich in den ungesagten Teil unserer Vision hineingelesen habe. „Stelle dir eine Welt vor, in der jeder einzelne Mensch frei am gesamten Wissen teilhaben kann.“ Das ist eine spektakuläre, inspirierende, strebenswerte Ambition, doch es fehlt etwas Entscheidendes. Seit sieben Jahren stelle ich mir täglich diese Welt vor. Und jeden Tag frage ich mich: „Warum?“ Warum ist die Vision des freien Wissens wichtig? Was geschieht dann? Welchen Wandel haben wir in der Welt bewirkt?“

Auch nach meinem Weggang werde ich mir weiterhin diese Fragen stellen. Und während ihr eure Arbeit hier fortsetzt, als Kollegen, als Mitwirkende, als Freiwillige, bitte ich euch alle, euch ebenfalls zu fragen — bei allem, was ihr tut, beitragt und erbaut. Was sind wir hier, um zu tun? Dienen unsere Werte, unsere Strukturen, unsere Praktiken und unsere Konstrukte unserem Zweck? Und wie stellen wir sicher, dass sie so lebendig und vital bleiben wie unsere Projekte und Visionen?

Der ehemalige Präsident von Wikimedia Chile, Marco Correa, würde sagen: „Das Wissen mag neutral sein, die Handlung jedoch nicht.“ Ich habe ihn immer so verstanden, dass unsere Projekte zwar bestrebt sind, das genaueste, überprüfbare und neutralste Wissen zu bieten, unsere Bewegung jedoch nie unparteiisch war. Wir haben stets stolz für eine Reihe von Werten gestanden: Freiheit der Untersuchung, des Ausdrucks und der Versammlung, das Recht auf Privatsphäre und Erinnerung und den grundlegenden Wert und die Würde jedes Menschen. Wir haben sie unter Druck verteidigt und müssen dies auch weiterhin tun.

Wir dürfen niemals aus den Augen verlieren, wie revolutionär der Akt der Erzeugung freien Wissens an sich ist. Mich hat stets die Vielfalt der Motivationen beeindruckt, die Menschen zu dieser Bewegung bringen. Es gibt jene, die ihre Sprache in die Zukunft schreiben, ihre Identität ins öffentliche Bewusstsein einbringen, die unsere Projekte nutzen, um sich mit historischem Unrecht auseinanderzusetzen. Einige bearbeiten Wikipedia, weil ein Akt der Faktizität an sich ein Akt der Selbstbestimmung ist in Gegenden, wo Informationen zur Unterdrückung und Unterwerfung genutzt werden.

Wenn wir uns selbst glauben machen, dass wir lediglich eine freie Enzyklopädie sind, riskieren wir, den Blick für unsere Arbeit zu verlieren. Wissen war immer ein Machtinstrument – große Reiche und Reichtümer wurden mit seiner Hilfe errichtet, und große Ungerechtigkeiten wurden in seinem Namen begangen. Die Idee selbst, Wissen von Macht zu befreien, es von Zugang und Reichtum zu entkoppeln und seine Konstruktion, Nützlichkeit und seinen Wert in die Hände jeder Person auf dem Planeten zu legen, ist zutiefst radikal.

Wikimedia selbst ist eine radikale Tat. Es ist ein Verb, eine ständige Handlung des Hinterfragens, der Überarbeitung und der Evolution. Es stürzt die Geschichte um, es fordert den Status quo heraus. Es ist das Vertrauen, uns selbst zu fragen, warum wir glauben, was wir glauben, und ob unser Wissen in der Zukunft ändern könnte. Es ist die Überzeugung, unsere Werte gegen Druck und Bedrohung zu verteidigen, während wir kräftig unter uns debattieren, ob diese Werte der Welt weiterhin dienen. Es ist die Demut, mit anderen zu kooperieren, zusammenzuarbeiten und von ihnen zu lernen.

Neulich wurde ich gefragt: „Was ist die größte Herausforderung, der sich Wikimedia gegenübersieht?“ Meine Antwort war dieselbe wie an meinem allerersten Tag. Unsere größte Herausforderung sind wir selbst. Unser Erfolg, unsere Komplexität, unsere Größe – es wäre leicht zu glauben, dass wir auf unserem aktuellen Schwung ewig bestehen könnten, uns als eine Webseite statt als globale Bewegung zu sehen, oder zu akzeptieren, dass unsere Knoten zu verknotet sind, um sie jemals richtig zu entwirren. Es ist oft einfacher und bequemer, in den Strudeln der schrittweisen Entwicklung zu schwimmen, statt die Dringlichkeit des kollektiven Wandels zu erkennen.

Doch führen wir unsere Mission gegen große Widrigkeiten durch, und es ist wesentlich, dass wir sowohl die Risiken als auch die Chancen klar erkennen. Es gibt die Herausforderungen des Wettbewerbs und der Knappheit: Wir agieren in einem der am stärksten kapitalisierten und wettbewerbsintensiven Sektoren in der Geschichte der Zivilisation (digitale Technologie), wir handeln mit einem der wertvollsten (und dennoch nicht konkurrierenden!) Vermögenswerte der Menschheit (Wissen), wir streben danach, der gesamten Welt gerecht zu dienen, trotz aller impliziten und expliziten Barrieren, die die Welt selbst zu diesem Ziel errichtet.

Es gibt auch Chancen, die selbst eine Form der Herausforderung sind. Wir sehen mehr Menschen rund um den Globus vernetzt, mehr Gemeinschaften auf der Suche nach Wissen, mehr vertretene Sprachen, mehr Bedarf an vertrauenswürdigem Allgemeinwissen und schärfere, dringlichere Fragen zu Macht, Repräsentation und Handlungsfähigkeit. Wir sehen eine Zunahme der Wertschätzung des Wissens in der Gesellschaft und der Bedeutung, auch bei den umstrittensten Themen Übereinkommen zu erleichtern. Ob wir diese Momente optimal nutzen, liegt an uns.

Wenn wir diesen Momenten gerecht werden wollen, müssen wir neue Stärken finden. Wir müssen schlauer, mutiger, einfach besser sein, als wir es je waren. Wir müssen in unserer Großzügigkeit kompromisslos und in unserer Exzellenz unerschütterlich sein. Wir müssen umfassender, reicher und inklusiver sein. Wir sollten uns mit den Wegen auseinandersetzen, auf denen wir in der Vergangenheit gescheitert sind, einschließlich der Instrumentalisierung der Teilnahme und der Wiederholung ausschließender Kanons auf Kosten einer wahrhaft globalen Repräsentation. Wir müssen unsere Integrität und Unabhängigkeit schätzen, während wir auch unsere wechselseitige Abhängigkeit verstehen.

In den letzten Jahren hat unsere Bewegung genau dies begonnen. Wir haben unsere Definition von „Gemeinschaft“ und „Beitragender“ neu überdacht. Wir haben unser Verständnis davon, was Wissen ist, wie es konstruiert wird und wer repräsentiert wird, hinterfragt. Wir haben auf die Teilnahme und Ermächtigung unterrepräsentierter Geografien, Sprachen und Demografien gedrängt. Wir haben uns gefragt, ob die Paradigmen der enzyklopädischen Bedeutung und Überprüfbarkeit unsere Mission, unser Wachstum und unsere Relevanz aufrechterhalten können. Wir haben erforscht, was an unserer aktuellen Arbeit und unseren Praktiken sich entwickeln muss, damit wir unsere Mission, jedem einzelnen Menschen zu dienen, sinnvoll leben können.

Wir haben Fragen nicht nur zu unserem Wissen im Ökosystem von Wikimedia gestellt, sondern auch zu den Mitteln, mit denen wir unsere Mission verwirklichen. Wir waren immer dem offenen Aufbau und Code verpflichtet, doch diese Verpflichtungen waren passiv – gemeinsame Werkzeuge, gemeinsame Regeln. Was bedeutet es, aktiv offen zu sein? Über das Protokoll hinaus zur Praxis zu gehen, von Standard zu Wert? Wie stellen wir sicher, dass unsere technische Infrastruktur und Erfahrungen die Teilnahme, Handlungsfähigkeit und das Eigentum von jedermann, überall ermöglichen? Wie können unsere Projekte in Sachen Datenschutz, Sicherheit und Offenheit durch ihr Beispiel führen?

Auf sehr reale Weise liegt all dies in unseren Händen und in den Händen jedes Einzelnen, der teilnehmen möchte. Unsere Projekte gehören niemandem allein, sondern uns allen. Sie werden durchschnittlich 350 Mal pro Minute bearbeitet und repräsentieren die Gelegenheit, zu jeder Tageszeit ein Werk im Werden zu sein – danach zu streben, bessere Versionen unserer Bewegung, unserer Projekte, von uns selbst zu sein. Sich zu verändern in Antwort auf die Welt um uns herum. Wikimedia verändert sich mit uns, und Veränderung ist das, was wir daraus machen.

Dies ist eine ständige Einladung – und Verpflichtung – uns selbst zu machen und wiederzumachen. Zwingen uns die Werte, die uns seit unserem ersten Tag gedient haben, in unsere Zukunft? Sind die Entscheidungen, die wir treffen, als Mitarbeiter, als Freiwillige, als Bewegungsleiter, als Gemeinschaftsmitglieder, im Dienst unseres Zwecks? Wie passen wir unsere Arbeit an die Welt an, in der wir leben, während wir unsere Vision für die Welt, die wir suchen, beibehalten? Wohin entwickeln wir uns? Warum sind wir hier? Was ist der Sinn, der Zweck von freiem Wissen?

Die Antworten auf diese Fragen mögen sich ändern, aber die Art und Weise, wie wir zu diesen Antworten kommen, sollte es nicht. Wir sind in erster Linie eine Gemeinschaft und sollten zu unseren Antworten durch offenen Dialog und Beratung gelangen. Wir können die schwierigen Teile nicht umgehen, wir müssen sie durchstehen, um die beständigen Teile aufzubauen. Und der einzige Weg, dies zu tun, besteht darin, uns dem Engagement, der Kommunikation und der Fortsetzung schwieriger Diskussionen wie jenen, die durch die Bewegungsstrategie aufgeworfen wurden – Fragen nach Macht, Handlungsfähigkeit, Dezentralisierung und Autonomie – zu verschreiben. Indem wir die Antworten auf diese Fragen suchen, finden wir die Wege, auf denen unsere Bewegung gedeihen wird.

Wir müssen einander als gegenseitige Hüter und Verbündete sehen, Mittel finden, um zu widersprechen, während wir einander als Menschen, die in unserer Mission vereint sind, wertschätzen. Wir sollten Mitgefühl, Mut und Freundlichkeit füreinander und uns selbst üben und Unvollkommenheit im Geiste der Evolution akzeptieren. Als Mitarbeiter müssen wir unseren freiwilligen Kollegen Respekt als vollwertige Partner zeigen. Als Freiwillige müssen wir diese Wertschätzung dem Personal der Stiftung und den Verbänden zurückgeben. Wir sollten gemeinsam Brot brechen, Probleme lösen und einander als Gleichgestellte sehen.

Ein Wikimedianer zu sein bedeutet, sein Vertrauen in das Wohlwollen von Menschen zu setzen, die man nie getroffen hat. Es bedeutet, an die Kraft einer Idee zu glauben, die eine Gemeinschaft verbindet; ein unverbesserlicher Humanist zu sein, weise in Bezug auf unsere Fehler, aber jeden Tag zurückkehrend, um es besser zu machen. Wir streben nicht nur danach, das Radikale zu tun und Wissen frei zugänglich zu machen, wir vertrauen darauf, dass die Welt es gut nutzt. In gutem Glauben beizutragen, uns kritisch zu lesen, wenn nötig, zu spenden, um uns am Laufen zu halten, und uns zu kritisieren, wenn es gerechtfertigt ist.

Wir setzen unser Vertrauen in die Welt, und sie erwidert es uns. Wir dienen als Hüter und erwarten, dass unsere Arbeit das freie Wissen als öffentliches Gut für die kommenden Jahrzehnte unterstützt und erhält. Wir setzen uns gegen unerbittliche Widrigkeiten durch und bewegen uns irgendwie weiter. Wir werfen unser Los zusammen, binden uns in unserem Erfolg und Misserfolg und akzeptieren, dass unser Fortschritt ein Werk im Werden ist. Wir glauben, dass wir die Welt verändern können, denn das haben wir bereits getan.

Ich bin euch allen für diese Zeit, die wir hatten, und für die Art und Weise, wie eure Leidenschaft, Empathie und Entschlossenheit meine Welt erweitert haben, dankbar. Ich hatte das Glück, mit vielen von euch lebenslange Freundschaften zu schließen, und ich glaube, dass noch viele Freundschaften vor uns liegen. Obwohl ich die Stiftung verlasse, verlasse ich nicht die Bewegung.

Wir haben das große Glück, in Wikimedias herrlichem, beweglichem Fest zu leben. Es hat mich gelehrt, dass es selten ein Abschied für immer gibt, sondern nur ein Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal.

Bis bald in den Wikis!

Katherine

  1. Sicher gab es Momente der Erschöpfung, der Verzweiflung und des Herzschmerzes, aber die gehören nicht in diesen Augenblick. Und ohnehin werden sie vollkommen von jener üppigen Freude überschattet.